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Agroforst – Landwirtschaft der Zukunft?

Bäume und Sträucher auf Äckern. Das nennt sich Agroforst. Eine alte Idee gewinnt wieder an Boden. Gastbeitrag von Reinhard Gessl, Theresia Markut und Peter Meindl, FiBL.

Baum- und Strauchzeilen unterteilen einen Acker
Foto: Theresia Markut, FiBL

Die Landwirtschaft und damit unser Ernährungssystem stehen vor echten Herausforderungen. Wie gehen wir mit dem um, dass es immer heißer wird, dass Wind und Starkregen immer mehr Boden abtragen und mit dem, dass unsere Naturvielfalt mehr und mehr verloren geht? Ist die Lösung mehr Hightech? Oder doch eine Rückbesinnung?

Agroforst ist ein mögliches Szenario für eine Anpassung. Agroforst bringt Bäume und Sträucher wieder zurück in die Landschaft, als Schutz vor extremer Hitze und Bodenabtrag. Heute gepflanzte Bäume wachsen über viele Jahre und schaffen neue Lebensräume. Das schaut schön aus und bringt als System vielfach ökologisch und wirtschaftlich mehr. Agroforst leistet zudem einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz.

Agroforst verbindet Agrar- und Forstsysteme auf ein und derselben landwirtschaftlichen Fläche. 

Bäume (Gehölze) werden auf einem Acker- oder einer Grünfläche gesetzt, wobei beide Kulturen gepflegt, genutzt und geerntet werden.  

Die EU definiert Agroforstwirtschaft als „Landnutzungssystem in dem Bäume in Kombination mit Landwirtschaft am selben Land wachsen“. In der EU (27) wird die Gesamtfläche von Agroforstsystemen auf 25,4 Millionen Hektar geschätzt, das sind 3,6 % der Landfläche und 8,8 % der landwirtschaftlichen Fläche. Rund 90 % dieser Flächen sind silvo-pastorale Systeme (Kombination von Gehölzen und Weide), die vor allem in mediterranen Gebieten noch relativ häufig anzutreffen sind.  

In Österreich sind solche Mischsysteme vor allem noch als Streuobstwiesen erhalten. Andere Formen der Umsetzung von Agroforstsystemen (z.B. Bäume auf dem Acker, sogenannte silvoarable Systeme) erhalten derzeit immer mehr Aufmerksamkeit, da der Klimawandel, der Lebensraumverlust , geänderte Produktionsbedingungen und vielleicht auch der Innovationsdruck die Betriebe zu Überlegungen über andere Produktionsformen veranlassen.

Baumzeile begrenzt ein Feld
Foto: Theresia Markut, FiBL

Agroforst soll in Summe mehr Ertrag erwirtschaften

Aus den landwirtschaftlichen Kulturen und den Baumkulturen soll in Summe mehr Ertrag zu erwirtschaftet werden, als das in den jeweiligen Monokulturen alleine möglich wäre. Also eine Fläche ertragreicher zu nutzen ohne dabei mehr Ressourcen zu beanspruchen. 

Wie kann das funktionieren? 

Indem der „Stockwerksbau“ des Systems ausgenutzt wird: Die Bäume strecken sich höher nach oben, können also das Licht gut ausnutzen, während die landwirtschaftliche Kultur darunter ebenfalls ausreichend Licht bekommt, da sie  nur teilweise und im Tagesverlauf nur kurz beschattet wird. 

Untersuchungen in mediterranen Gebieten zeigen, dass die teilweise Beschattung in sehr trockenen, heißen Perioden im Frühjahr für Ackerkulturen sogar von Vorteil sein kann und in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen wird. Der Baum streckt sich aber nicht nur sichtbar in die Höhe, sondern breitet seine Wurzeln auch unsichtbar nach unten in den Boden aus. Im besten Fall erzieht man die Wurzeln des Baumes von Beginn an so, dass sie nicht mit den Wurzeln der landwirtschaftlichen Nutzpflanzen konkurrieren, indem man sie immer wieder am Rand zur landwirtschaftlichen Kultur kappt und sie dadurch in die Tiefe zwingt. So dienen die Baumwurzeln unter den landwirtschaftlichen Nutzpflanzen als Auffangnetz  für Wasser und Nährstoffe und können somit einen Beitrag zur Verminderung der Nährstoffauswaschung leisten und negative Folgen von Starkregenereignissen reduzieren. Gleichzeitig können bei den am Feld stehenden Bäumen höhere  Zuwächse beobachtet werden als im Wald im Verbund mit anderen Bäumen. Die Ackerkultur profitiert wiederum von Nährstoffen durch den Laubfall. Untersuchungen haben gezeigt, dass durch Agroforstbewirtschaftung der Humusgehalt vor allem in den Baumreihen am Acker zunimmt  bzw. generell Bodenverluste (Erosion) vermindert werden können. Agroforst kann also vor allem durch den Humusaufbau und die Kohlenstoffspeicherung im Wertholz, aber auch durch eine verbesserte Nährstoffaufnahme und den reduzierten Stickstoff-Einsatz zum Klimaschutz in der Landwirtschaft beitragen. 

Gleichzeitig stellen Agroforstsysteme eine Möglichkeit zur Klimawandelanpassung dar: vor allem die Reduktion der Auswirkungen von Extremwetterereignissen, die Reduktion von Stress der Pflanzen am Acker und der Tiere auf der Weide, verbesserte Resilienz durch Produktdiversifizierung und Ertragsstabilität sowie Vielfalt der Lebensräume als wichtige Ressource, sind in diesem Zusammenhang zu nennen.

Abgesehen von den praktischen landwirtschaftlichen Leistungen von Agroforstsystemen, sind die Leistungen hinsichtlich Biodiversitätsverbesserung wichtig. Im ganz Kleinen haben Laubfall und die mikroklimatischen Veränderungen auf einem Teil des Ackers einen positiven Effekt auf die Aktivität und den Reichtum der Bodenlebewesen. Im ganz Großen und für Jede*n erlebbar sind es die landschaftlichen Aspekte durch Agroforst und gewonnene Lebensräume für viele große und kleine Tiere. Sei es der Baum selber, der als Ansitz, Brutbaum, Nahrungsquelle oder Versteck zwischen den Feldern dient oder der krautige Streifen zwischen den Bäumen in der Reihe, der wiederum ganz anderen Lebewesen einen Lebensraum bietet. 

Die genannten Vorteile von Agroforst erscheinen erstaunlich, benötigen aber eine optimale Planung, Umsetzung und Pflege. Im Vorfeld sind unter anderem folgende Gesichtspunkte zu berücksichtigen: Warum will ich Agroforst umsetzen und welche Ziele verfolge ich damit? Welche Fläche eignet sich? Welche Bäume (Holz oder Frucht) passen zu  meinem Betrieb und Standort? Kann ich Bäume über einen längeren Zeitraum managen? Auch bei der Umsetzung und Pflege muss man sich klar sein: Welcher Mehraufwand kommt auf mich zu? Welche Pflegemaßnahmen stehen die nächsten Jahre an? Will ich den Umgang mit Bäumen erlernen?

Neben den vielen möglichen Vorteilen von gut geplanter und umgesetzter Agroforstbewirtschaftung gilt es auch zu bedenken, dass Agroforst einen höheren Arbeitsaufwand bedeutet. So muss zum Beispiel der Umgang mit Bäumen von den meisten Landwirt*innen wieder erlernt werden. Das Management der Fläche ist aufwändiger, es müssen Vermarktungswege für die Produkte des Baumes (Holz oder Frucht) gefunden werden und der administrative Aufwand ist höher. Derzeit müssen in Österreich auch noch individuelle Lösungen für korrekte Abwicklung von Agroforstflächen im Fördersystem gefunden werden.

Quellen: Erde & Saat, FiBL

Weiterführende Informationen: 

Broschüre Agroforst

agroforst-oesterreich.at